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Katharina Eisel Berlin, Berlin

Profilbild von Katharina Eisel

Katharina Eisel, familiär pflegend
Berlin

Ich pflege, weil ...

Selbstbestimmung nicht mit der Pflegebedürftigkeit enden darf.

Katharina Eisel über Pflege

Frau Eisel, Sie vereinbaren Ihren Beruf mit der Betreuung Ihres pflegebedürftigen Vaters. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Seit dem Unfall ist mein Alltag komplett auf den Kopf gestellt. Nur durch die Unterstützung meines Arbeitgebers und unter Aufwand fast meiner gesamten Freizeit schaffe ich es, meinen Vater regelmäßig zu besuchen und zu betreuen. Ich durfte meine Wochenarbeitszeit reduzieren und wenn etwas Dringendes ist, dann kann ich sofort zu ihm. Dadurch steigt natürlich die Arbeitsbelastung der Kollegen etwas, so dass das Verständnis für meine Lage mit der Zeit auch abnimmt.

Haben Sie schon mal überlegt, Ihren Beruf aufzugeben?

Das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin leidenschaftliche Apothekerin und außerdem ist gerade der Beruf eine willkommene Abwechselung zum Pflegealltag. Während der Arbeitszeit kann ich abschalten und meine Gedanken kreisen - zumindest eine gewisse Zeit – nicht ständig um meine familiären Sorgen.

Wie gehen Sie mit der Gewissheit um, dass Ihr Vater für den Rest seines Lebens pflegebedürftig sein wird?

Mein Vater lebt jetzt in einem Wohnheim, in dem er intensiv betreut wird. Er selbst weiß, dass er ohne fremde Hilfe seinen Alltag nicht meistern kann. Und doch hegt er insgeheim den Wunsch, wieder in seinen eigenen vier Wänden zu leben. Er tut sich einfach schwer damit, die Pflegebedürftigkeit zu akzeptieren. Wem würde es in so einer Situation nicht genauso gehen? Gleichzeitig betont er immer wieder, dass er uns nicht zur Last fallen möchte. Andererseits wünscht er sich aber auch, dass ich ihm so oft wie möglich beistehe. Das setzt mich natürlich unter Druck. Ich befinde mich in einer ständigen Zwickmühle: Ist es verkehrt, einmal fünf Tage Urlaub zu nehmen oder nicht? Wenn ich dann eine Auszeit nehme, habe ich ein schlechtes Gewissen.

Sie sind sozusagen vom Fach. Nützt Ihnen das bei der Betreuung?

Als Angehöriger wird man oft voreilig als hysterisch und überemotional abgestempelt. Dank meiner Fachkenntnisse und vor allem meiner beruflichen Kontakte ist es mir eher möglich, eine zweite Meinung einzuholen oder eine Alternative bei medizinischen Problemen zu finden. Das führt leider immer auch zu Streitgesprächen mit den behandelnden Ärzten. Mir als Angehöriger gibt es zumindest ein bisschen das Gefühl, der Situation nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Welche Lichtblicke gibt es?

Natürlich haben wir anfangs gehofft, dass unser Vater sich schnell wieder erholt. Doch der Alltag sieht anders aus: Rückschritte und depressive Verstimmungen überwiegen, wirkliche Lichtblicke sind selten. Unser Vater schafft es zwar mittlerweile, seine Hand zum Gesicht zu führen und sich so selbst die Nase zu kratzen - der Unterschied zu seinem „früheren Leben“ bleibt gravierend. Letztlich sind meine Schwester und ich über jede Minute glücklich, in der wir unserem Vater etwas mehr Selbstbestimmung ermöglichen, uns ganz normal unterhalten und die gemeinsame Zeit („die kleinen Dinge im Leben“) genießen können. Dafür lohnt sich der ganze Aufwand.