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- Botschafter 22 / 608 -


D. Nitsche Bodensee, Baden-Württemberg

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D. Nitsche
Bodensee

Ich pflege, weil ...

es meine Mutter ist, die seit vielen Jahren bei und mit uns lebt, die durch ihren Frohsinn und ihre Freundlichkeit viele Menschen erreicht hat, die unsere Kinder mit erzogen hat und sie auch ein Stück weit geprägt hat, weil sie uns immer Freundlichkeit, Liebe, Dankbarkeit und Verständnis entgegen gebracht hat.

D. Nitsche über Pflege

Seit 15 Jahren wohnt meine Mutter bei uns. Sie machte früher täglich Gymnastik, las viel und zitierte Gedichte. Darüber hinaus sang sie gerne, hatte eine ausgedehnte Korrespondenz in alle Welt und ging täglich spazieren mit unserem Dackel. Sie freundete sich trotz des hohen Alters schnell mit Frauen in der Umgebung an. Dank ihrer positiven Einstellung war sie uns all die Jahre ein liebenswertes Familienmitglied. Im Juli feierten wir ihren 100. Geburtstag.

Vor vier Jahren stürzte sie im Bad. Ich fand sie in der Mittagspause auf dem Boden liegend. Sie hatte eine Fraktur des Schienbeins erlitten und lag nun viele Wochen im Krankenhaus. Danach war alles anders: Mein Mann und ich erhielten Sonderurlaub und auf zwei Wochen einer sehr anstrengenden Pflege zu Hause folgte eine mehrwöchige Kurzzeitpflege. Nur langsam und mühsam lernte sie das Laufen am Rollator wieder. In vieler Hinsicht wurde anschließend Zuwendung und Hilfe nötig.

Nach Monaten zunehmender motorischer Unsicherheit stürzte sie mehrere Male. Es folgten Krankenhausaufenthalte. Es waren zwar kurze, die gingen dennoch nicht spurlos an ihr vorüber. Seit fast drei Jahren bedarf sie nun einer intensiven Unterstützung bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens. Die Gangunsicherheit und die stets präsente Sturzgefahr erlaubt zudem das Gehen nur mit Unterstützung. Im ersten Jahr meiner noch Vollbeschäftigung als Ärztin übernahm ich die morgendliche Pflege und das Essen geben. Vormittags und nachmittags während meiner Abwesendheit betreute sie der Pflegedienst hinsichtlich Hygiene und Zwischenmahlzeit. Es konnte schon vorkommen, dass sie mit männlichen Pflegekräften ihre Probleme hatte und sich verweigerte. Meine Mittagspause dehnte ich auf zwei Stunden aus und ich widmete mich ihr nach dem Nachmittagsdienst bis hin in die Abendstunden. Dank eines sehr verständnisvollen Chefs konnte ich mein restliches Arbeitspensum per „home office" erledigen. Nach Monaten folgte eine Reduzierung des Arbeitspensums auf 50 Prozent, heute erhalte ich Rente.

Neben einer örtlichen und zeitlichen Desorientierung ist auch das Wiedererkennen von sehr nahen Familienmitgliedern nicht immer möglich. Ihre physische und psychische Situation ist täglich anders. Zeitweise ist sie sehr unglücklich, weil ihre - schon längst verstorbene - Schwester gestorben sei. Oder ihr bereits verstorbener Mann sei auf Exkursion in Italien. Dann möchte sie nach Hause. Sie freut sich sehr, wenn ich mich mit meinem Namen vorstelle.

Erschwert wird jede Kommunikation durch ihre hochgradige Schwerhörigkeit. Riesige Freude hat sie wenn die Urenkel kommen und sie ihr Spiel miterleben kann. Wegen ihrer großen Ruhebedürftigkeit kann sie Besuchen leider nur kurz beiwohnen, dann muss sie wieder zu Bett gebracht werden.

Für mich als Pflegeperson ist die Situation seit meiner Verrentung entspannter geworden  – und trotzdem, es bleibt eine riesengroße Aufgabe. Die übernommene Verantwortung beeinflusst den eigenen Tagesablauf. Hobbys und Freunde müssen warten und auch die eigene Gesundheit gerät aus dem Blickwinkel. Urlaub und Entspannung sind zu Fremdwörtern geworden.