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David Sieveking Berlin, Berlin

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David Sieveking
Berlin

Ich pflege, weil ...

ich meinen Vater bei der Pflege meiner demenzerkrankten Mutter so gut es ging unterstützen wollte. Gleichzeitig möchte ich auch mit meinen gemachten Erfahrungen für die Volkskrankheit Demenz sensibilisieren.

David Sieveking über Pflege

Der Filmemacher/Autor von "Vergiss Mein Nicht" meint: „Pflege ist kein Beruf zweiter Klasse, sondern verdient viel mehr Anerkennung."

Warum beteiligen Sie sich an der Aktion „Ich pflege,
weil ...”?

Nicht nur die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt kontinuierlich, sondern auch die Zahl derjenigen, die Angehörige pflegen müssen. Diesem engagierten Kreis möchte ich ein Gesicht verleihen, denn sie leisten Großartiges. Pflege ist auch kein Beruf zweiter Klasse, sondern verdient viel mehr Anerkennung. Dieses Portal kann ein Stück dazu beitragen. Doch letztendlich müssen wir es schaffen, die Bedingungen für Pflegende weiter zu verbessern und attraktiver zu gestalten.

Wie sehen Sie die Krankheit Demenz und den Umgang damit in der Gesellschaft?

Ich glaube, dass wir Demenz oder speziell Alzheimerdemenz mehr als Normalität annehmen müssen. Wir können nicht immer älter werden und glauben, dass wir immer die Gleichen bleiben. Die ganze Gesellschaft muss sich einfach damit auseinandersetzen, dass es uns mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann alle selber treffen wird und dass das nicht heilbar ist. Wie wollen wir dann gerne leben? Ich würde mir wünschen, dass es zu mehr Begegnungen kommt zwischen Dementen und Nicht-Dementen und sich mehr Sensibilität und Verständnis bildet, wie man am besten miteinander umgehen kann.

Wodurch ist Ihnen bewusst geworden, dass Ihre Mutter erkrankt ist?

Es fing damit an, dass immer mehr Merkzettel meiner Mutter an den Küchenschränken meiner Eltern hingen. Irgendwann kam dann der Tag, wo meine Mutter Schwierigkeiten hatte, mein Lieblingsessen zu kochen. Sie konnte dann auf einmal Sätze nicht mehr richtig formulieren, obwohl sie als Sprachlehrerin immer speziell darauf geachtet hatte. Irgendwann begann sie mich auch oft mit meinem Vater zu verwechseln oder schien mich überhaupt nicht mehr zu erkennen.

Wie lässt sich so eine Situation meistern?

Dabei gibt es keine Patentlösung. Man lernt jeden Tag dazu und macht Fehler. In meiner Familie haben wir oft gemeinsam diskutiert, was am besten zu tun wäre und wir haben uns Rat geholt. Mein Vater sagt rückblickend, er habe sich viel zu spät Hilfe ins Haus geholt. Ich habe gute Erfahrungen in Demenz-Beratungsstellen und Angehörigengruppen gemacht. Auf jeden Fall sollte man sich gut informieren, welche staatliche Pflegehilfe beansprucht werden kann – jede Entlastung ist Gold wert.

Was nehmen Sie aus dieser Zeit für sich mit?

Ich will die ganzen pflegerischen Aspekte nicht schönreden: Es ist verdammt hart, wenn die eigene Mutter inkontinent wird und nicht mehr alleine essen kann. Und ich sage ganz bewusst: Man muss den Erkrankten nicht in der Familie behalten. Es gibt sehr gute Pflegeheime, und das kann unter Umständen die absolut richtige Wahl sein. Aber man sollte versuchen, noch möglichst viel gute Zeit miteinander zu verbringen und am Ende hoffentlich einen Abschied zu finden, der nicht so schmerzvoll und so voll Frustration oder Angst ist, wie das leider meistens der Fall ist. Es ist klar, dass es nicht nur um Spaß geht, dass es keine Party ist, wenn man seine kranke Mutter versorgt. Aber es kann eine bereichernde Erfahrung werden, wenn man die richtige Einstellung hat und für die richtigen Rahmenbedingungen gesorgt ist.

Wie ist es Ihnen gelungen, eine positive Haltung zur Pflegesituation einzunehmen?

Ich glaube, es ist sinnvoll, dass man sich als Pflegender wieder die Sichtweise eines Kindes aneignet. Genauso wie man beim Erkrankten ja auch oft das Gefühl hat, ein „altes Kind“ vor sich zu haben, das einfach das annimmt, was da ist, und versucht, damit umzugehen. Diesen kindlichen Blick sollte man sich als Angehöriger ebenfalls aneignen und diese Neugier, diese Offenheit für das, was jetzt im Moment da ist. Das ist eine Weisheit in meinen Augen, die man sich im Umgang mit Demenzkranken aneignen kann.